Debatte um Olaf Scholz' Pullover Lasst uns mehr über Männermode streiten!

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Olaf Scholz trägt einen Pullover – und schon wird diskutiert. Lange haben derlei Diskussionen nur Frauen betroffen. Ist die Debatte um den Kanzler-Pulli nun ein Fort- oder ein Rückschritt?

Von: Martin Zeyn

Stand: 08.02.2022

Menschen tragen Kleidung. Olaf Scholz ist ein Mensch. Meistens trägt er Anzüge, oft ohne Krawatte. Auf dem Flug nach Washington einen schlichten grauen Pullover, eine Nummer zu groß, also eher bequem als passend. Und von FAZ bis Twitter spricht die Republik darüber. Was ist davon zu halten?

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Patricia CammarataIch hab mir Gleichberechtigung irgendwie anders vorgestellt als dass jetzt auch die Kleidung und das Aussehen von Männern in der Öffentlichkeit dämlich kommentiert wird.

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Männer als Mode-Victims

Wie so oft ist die Debatte von wenig historischem Wissen über Mode unterfüttert. Immer noch lassen sich Journalisten von Maßschneidern erzählen, dass ein zweireihiger Anzug ein Stück fürs Leben sei. Hier die Wahrheit, liebe Männer und treue Anzugträger aus der uneingestandenen, also mächtigen Furcht, etwas falsch zu machen: Das ist Blödsinn. Ein Anzug unterliegt wie jedes andere Kleidungsstück der Mode. Wer etwas anderes glaubt und kauft, ist einem Bauernfänger aufgesessen.

Jil Sander hat schon vor über zwanzig Jahren angefangen, die Modepuppen mit Anzug, aber ohne Krawatte in den Schaufenstern zu platzieren. Wer heute noch zweireihige Anzüge mit breiten Revers sowie verstärkten Schultern und Frontpartien trägt, sieht nur noch wie eine lächerliche Karikatur von Michael Douglas im ersten Teil von "Wall Street" aus. Das kann allerdings morgen schon wieder anders sein – aber Mode, die immer "die Wiederkehr des ewig Neuen" ist, wie Walter Benjamin einmal sagte, kommt nie als 1:1-Imitat wieder. Es sind die Details, die Mode vom reinen un-modischen Aussitzen unterscheiden.

zum Artikel Männer und ModeWarum sich Mythen über den Anzug so zäh halten

Mode ist Wandel. Und Mode gehört zu beiden Geschlechtern. Das ist so wahr wie wenig präsent. Über Jahrhunderte waren Männer das bunte Geschlecht, das seine Beine in Seidenstrümpfe und sein Geschlechtsteil in Peniskapseln ausstellte. Das endete keineswegs damit, dass der Anzug mehr und mehr zur Uniform des Mannes wurde. Dandys konnten sich stundenlang über die Rüschen ihrer Hemdaufschläge unterhalten. Die Glamrocker der 70er Jahre trugen Anzüge, die zwischen "einfach nur hinreißend glamourös" und "mit hundertprozentiger Sicherheit Augenkrebs auslösend" schwankten. Und wer zu seinem Samtanzug hochhackige Stiefel wie Jared Leto trägt, ist momentan wieder ganz weit vorne.

Mode macht Männern Angst

Dort, direkt im modischen Scheinwerferlicht wollen aber nur wenige stehen. Männer sind Schisser. Das steht fest. Die Frage ist lediglich, ob das nur für die Mode gilt. Der "klassische" gedeckte Anzug will den Mann unsichtbar machen, weil er sich fürchtet, wie Frauen zum Gegenstand der Kritik zu werden. Insofern ist jede Debatte um Mode eine imminent wichtige. Weil sie Machtverhältnisse untergräbt, die auf reinen Vorurteilen beruhen wie etwa: Frauen sind oberflächlich, Männer substantiell. Eine grobe Verkennung - Männer sind weit weg von dem, was der Philosoph Michel Foucault als "Sorge um sich selbst" bezeichnet hat. Sie halten den "Körperpanzer", den Klaus Theweleit so eindringlich beschrieben hat, für einen Naturzustand. Das macht es fast unmöglich, Mode als Körperpflege anzunehmen.

So, und nun zu dem grauen Pulli. Er ist der falsche Gegenstand zu einer richtigen Frage. Die lautet: Wie schillernd darf ein Mann sich kleiden, um noch als Mann akzeptiert zu werden? Die Debatte um Scholz führt deshalb in die Irre. Denn ein grauer Pulli ist kein modisches Statement, sondern eine Bankrotterklärung. Daran ist nichts Punk, es ist höchstens eine lahme Anbiederung an das allerlangweiligste College-Outfit.

Aber die Debatte weist auf einen wichtigen Punkt: Männer dürfen in der Öffentlichkeit ihr Desinteresse an Stil offen ausstellen. Das ist ungerecht. Und es führt dazu, dass es kaum lohnt, auf die Hälfte der Menschheit einen Blick zu verschwenden. Ja, es ist ein Akt von Geschlechterneutralität, Kleidung an öffentlichen Personen zu bewerten. Wir sollten es öfter tun. Vor allem aber sollten wir alle Männer loben, die dabei über die Stränge schlagen (was man sehr, sehr früh zu hören bekommt). Es ist ein Akt der Freiheit, hochhackige Schuhe und Röcke zu tragen. Und schön. Außerdem: von Freiheit und Schönheit haben wir nie genug! Sie machen unser Leben bunter, sogar lebendiger, wenn man die Augen dafür hat. Die grauen und bequemen Pullis überlassen wir gern den Schissern.